Zitat über Online-Kommentare und Selbstkontrolle im Internet, respektvoller Umgang

Was ein virales Video über Frauen und Online Hass verrät

Es ist spät. Eigentlich sollte ich längst schlafen. Trotzdem sitze ich noch immer auf meiner Couch und doomscrolle durch Instagram.

Plötzlich zeigt mir der Algorithmus das Video einer Frau. Sie ist 39 Jahre alt. Diese Information steht auf ihrem Reel. In der Hand hält sie einen Schwangerschaftstest.

Langsam dreht sie ihn um.

Sie sieht das Ergebnis – und fällt aus allen Wolken.

Schwanger.
Mit 39.

Im weiteren Verlauf des Videos erklärt sie, dass sie überzeugt war, bereits in den Wechseljahren zu sein. Sie schob die ausbleibende Periode auf das Zykluschaos der Perimenopause.

Zitat über soziale Medien und den bewussten Umgang mit eigenen Gedanken
Stille ist manchmal die bessere Antwort.

Beschämenderweise war mein erster Gedanke: Oh shit.

Aber zu meiner Verteidigung: Ich bin bald 42 und das Kinderwunschthema ist für mich schon lange vom Tisch. Ich wäre also sehr ungern in ihrer Situation.

Aber wenn sie glücklich ist, dann ist doch alles gut, oder?

Natürlich nicht.

Denn das Internet hat dazu eine ganz eigene Meinung.

Die Kommentarspalte des Reels explodiert.

Aber nicht vor Gratulationen, sondern vor Spott und Häme. Das Aussehen der Frau wird angegriffen. Es hagelt üble Beleidigungen.

„39? Niemals. Eher 49.“
„Meine Oma sieht jünger aus.“
„Erbärmlich, wenn man in deinem Alter immer noch nicht weiß, wie Verhütung funktioniert!“

Viele Kommentare stammen von Frauen. Eine schreibt:
„Ich bin 50 und sehe jünger aus als du.“

Spoiler: Tut sie nicht.

Aber selbst wenn sie es täte – rechtfertigt das so einen Kommentar?
Wohl kaum.

Zitat über Online-Hass und emotionale Hintergründe von negativen Kommentaren
Hass sagt oft mehr über den Absender als über das Ziel.

Welt, was läuft eigentlich falsch bei dir?

Diese Kommentarspalte ist wie ein dunkles Rabbithole, in das man hineinfällt und immer weiter scrollt. Der Inhalt ist im wahrsten Sinne des Wortes bodenlos. Kein Ende in Sicht.

Man kann über ihre späte Schwangerschaft denken, was man will – aber hier geht es längst nicht mehr darum.

Es geht um Alter.
Aussehen.
Bewertung.
Abwertung.

Ich weiß, Anonymität enthemmt. Es gibt keine direkten Konsequenzen, und man muss den Blick in verletzte Augen nicht aushalten.

Vermutlich hat das Ganze auch viel mit Projektion zu tun. Glückliche Menschen haten eher selten, oder?

Ganz ehrlich: Der Shitstorm unter dem Reel beschäftigt mich extrem. Immerhin besteht ein großer Teil meines Autorinnenlebens darin, Einblicke in meinen Alltag im Internet zu teilen.

Klar, ich weiß: Wer etwas über sich postet, macht sich in gewisser Weise immer angreifbar.

Aber so etwas überschreitet definitiv eine Grenze.

Pragmatisch betrachtet gibt es im Internet eben Trolle. Aber mein Eindruck ist, dass viele dieser Kommentare gar nicht aus reiner Bosheit entstehen.

Die wenigsten stehen morgens mit dem Vorsatz auf, heute wenigstens einen Menschen so richtig zu verletzen.

Und trotzdem passiert genau das. Jeden Tag.

Zitat über Respekt im Internet und den Umgang mit sichtbaren Personen online
Nur weil jemand sichtbar ist, darf man ihn nicht verletzen.

Und ja, ich habe sie auch, diese kleinen bösen Gedanken, die spontan in meinem Kopf aufpoppen. Vermutlich sogar mehr, als mir lieb ist.

Aber niemand zwingt uns, sie auszusprechen.

Deshalb nennt man sie ja auch Insight Thoughts.

Im Hause Roth gibt es dazu eine einfache Regel:

Alles, was jemand nicht innerhalb von drei Sekunden ändern kann, wird nicht kommentiert.

Petersilie zwischen den Zähnen? Ja.
Offener Hosenstall? Unbedingt.
Klopapier am Schuh? Sofort.

Aber:

Haut
Körper
Alter
Gesicht
Lebensentscheidungen

fallen unter die Kategorie: Schnauze halten und sich im Stillen seinen Teil denken.

Das sollte eigentlich nicht so schwer sein. Meine Kinder verstehen das ganz blendend.

Es sollte also für Erwachsene durchaus umsetzbar sein, oder?

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Stille ist manchmal die bessere Antwort.
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